#1 Das menschliche Maß finden - Die Gesellschaft vom Kopf auf die Füße stellen von Fritz Goergen 15.02.2015 14:14

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"Aber ob wir Neues bauen, / Oder Altes nur verdauen, / Wie das Gras verdaut die Kuh; / Ob wir in der Welt was schaffen, / Oder nur die Welt begaffen, /Das tut, das tut was dazu."
"Bürgerlied" aus der badischen Revolution von 1848.

Das Neue, das Progressive heute gegen den Widerstand der Konservativen erkämpfen, ist in hundert Jahren das Bewährte, das Konservative um jeden Preis bewahren wollen.
Anonymer Zeitgenosse.

Das menschliche Maß finden
Die Gesellschaft vom Kopf auf die Füße stellen

Bill Gates hält angesichts der großen Probleme unserer Zeit eine Weltregierung für nötig. Eine andere öffentliche Größe fordert eine einheitliche, EU-weite Regelung des Arbeitslosengeldes. Ein Dritter will ein weltweites Grundeinkommen als kostengünstige Vorbeugemaßnahme gegen wesentliche höhere Folgekosten der Gesellschaften bei Gesundheit, Kriminalität und anderem. Der Streit, ob der Euro die Europäische Union zusammenhält oder das europäische Projekt sprengen wird, dauert an.

Was alle öffentlichen Probleme gemeinsam haben, ist der „selbstverständliche“ Glaube, dass nur staatliche Instanzen und großräumige Rezepte sie lösen können. Wer die soziale, ökologische und wirtschaftliche Güte kleiner und dezentraler Einheiten herausstellt, dem schallt im pawlowschen Reflex das alte Klischee von der „Kleinstaaterei“ entgegen. Effizienzsteigerung und Kostensenkung waren die Ziele kommunaler Verwaltungsreformen. Die Ergebnisse sind überall mehr Bürokratie und Bürgerferne. Der teilweise vorhandene Internet-Zugang hat die öffentlichen Kosten weiter erhöht und an der Bürgerferne nichts geändert.

Es gehört nicht zum Bewusstsein von Politikern und Eliten allgemein, dass Menschen in ihrer sozialen DNA zu engeren sozialen Kontakten nicht in unbegrenzter Zahl fähig sind. Der Patriotismus ganzer Völker ist insofern eine irreführende Kategorie. Solidarität unter Krisenbedingungen findet in der überschaubaren Zahl statt. Menschen leben zwar nicht mehr in Einheiten von 50, 100 oder 200 zusammen wie früher Sippen und Stämme. Aber ihr soziales Verhalten ist davon immer noch stark geprägt. Je kleiner die Einheit, desto stabiler unter schwierigen Bedingungen verhalten sie sich.

Die autonome Schule schreibt Pädagogen nicht vor, wie sie Schüler in die Lage versetzen, Lernziele zu erreichen. Freien Zugang zum Wissen der Zeit öffnet der lokal freie Zugang zum Breitband-Internet. Infrastruktur insgesamt gemeinschaftlich zu organisieren und finanzieren, stößt lokal und regional auf ganz andere Bereitschaft als für ganze Staaten zwangsverordnet.

Der Strukturwandel der Energieindustrie ist besonders lehrreich. Wassermühlen und Windmühlen erzeugten Energie dort, wo sie verbraucht wurde. In der frühen Industrialisierung produzierte jede Fabrik ihre Energie selbst. Gleichzeitig versorgte sie die Arbeitersiedlungen rund um die Fabrik und oft auch die ganze Gemeinde. Gemeinden und Städte errichteten Elektrizitäts-, Gas- und Wasser-Werke oder beauftragten Unternehmen damit. Das allgemeine Strukturmerkmal war lange die ortsnahe Lösung. Überlandstromleitungen wurden erst notwendig, als Großkraftwerke die kleinen nach und nach verdrängten – der hohe Energieverlust auf dem Transportweg ging in die Preise ein: das Gegenteil von nachhaltig.

Das Prinzip Internet, der Rechner sucht den nächsten mit freien Kapazitäten und findet so immer seinen Weg vom Sender zum Empfänger. Keine vorgeschriebenen Hierarchien behindern oder verstopfen die Nachrichten-Übermittlung. Dieses Prinzip der Dezentralität ist noch auf viel mehr anzuwenden. Es macht große Netze möglich, die wenig störanfällig sind. Weil das auftretende Problem an einem Ort sich auf andere nicht überträgt. Wie eben autarke Häuser vom Störfall in einem zentralen Elektrizitäts-, Heiz- oder Wasser-Werk nicht betroffen sind.

Überall wo Energie-Kartelle seit den 1980er Jahren liberalisiert wurden, gleichen sich die ersten Wirkungen. Viele einst zugunsten der Großkraftwerke geschlossene Kleinkraftwerke wurden oft mit wenig aufwändiger Modernisierung wieder in Betrieb genommen – von Privaten wie Gemeinden. Inzwischen wächst die Zahl der Gemeinden mit autarken Energielösungen. An einem Ort nutzt die Gemeinde ihre Lage in einem ausgedehnten Waldgebiet. Mit ökologisch modernsten Methoden versorgt sie Wirtschaft und Bevölkerung mit kostengünstigem Strom. Sie exportiert ihr Knowhow in alle Welt, die verbundenen Fachkenntnisse sind selbst Bildungs- und Wirtschaftsgut geworden. Unternehmen, die Holz für andere Zwecke verarbeiten, haben sich angesiedelt. Ihre Abfälle landen in der Biomasse Holz zur Energieproduktion. Andere nachwachsende Energiequellen traten hinzu. Die Abwanderung aus der ländlichen Region hat aufgehört. Die jungen Leute bleiben da, ihre Perspektive ist attraktiv.

Anderswo haben die Bürger einer Gemeinde in der langwierigen Diskussion über den Umstieg vom Großversorger zur Ortslösung sich kennen und vertrauen gelernt. Die Schaffung einer eigenen Kita und eines Dorfladens in genossenschaftlicher Organisation folgten. Der kommunalen Politik blieb nur noch, das Bürgerhandeln freundlich zu begleiten und formale Wege zu glätten. Gemeinsame Projekte beleben den Gemeinschaftsgeist. Seine Wirkungen sind nachhaltig in einem umfassenden Sinn und gehen über die verwirklichten Ziele weit hinaus.

Diesen Gemeinschaftsgeist braucht es aber auch in den urbanen Zonen des Lebens von morgen. Über 90 Prozent der dann wohl neun Milliarden Menschen werden 2050 in Mega-Cities leben - mit 10 bis 40 Millionen Einwohnern. Davon geht die UNO seit langem aus. Wenn derart viele Menschen in Hochbauten übereinander statt in Dörfern und Kleinstädten nebeneinander wohnen, braucht es neue Formen des sozialen Miteinanders. Nachhaltigen Gemeinschaftsgeist gibt es nur in kleinen Einheiten. Solche neuen kleinen Einheiten sind eine ganz zentrale Herausforderung der globalen Gesellschaft. Diese Aufgabe können keine Nationalstaaten leisten, keine EU und keine UNO. Dazu sind nur die Kräfte engagierter Menschen in freier Selbstorganisation fähig. Parteien und andere herkömmliche Organisationen können den Weg für sie freimachen: Nicht zuletzt dadurch dass sie ihre eigene Arbeitsweise an der Mitwirkung von Mitgliedern und Aktiven an der Selbstorganisation ausrichten.

Davon dass Massen von Bürgern Dinge in freier Selbstorganisation anpacken anstatt nach Staat und Politik zu rufen, ist die Wirklichkeit der Massen-Medien-Demokratie weit entfernt. Und doch gibt es keinen anderen Weg in Freiheit. Die Alternative sind autoritäre Systeme, wie sie in Asien deutlich zu sehen sind, die aber im Ergebnis auch in Europa und Amerika drohen, wo sich politische Macht in informellen Zonen vollzieht, die sich der Kontrolle von Legislative und Judikative entziehen. Über neue Kriege entscheidet seit dem 2. Weltkrieg der amerikanische Präsident, nicht mehr der Kongress. Die Nichteinhaltung der europäischen Verträge administrieren EU-Kommission und Europäische Zentralbank, assistiert von nationalen Regierungen.

Peer-to-Peer-Märkte wachsen schnell. Menschen buchen inzwischen mehr Übernachtungen bei anderen Menschen als bei weltweiten Hotelketten. Car-Sharing dürften bald mehr Menschen in Anspruch nehmen, als selbst Autos besitzen. Ansätze für Selbstorganisation und Dezentralität sind mehr und mehr zu finden. Lange hat die technische Entwicklung die Menschen zu immer mehr Zentralität geführt. Moderne Techniken lauschen immer öfter der Natur kluge Lösungen ab, statt der alten Hybris weiter zu folgen, die Natur „beherrschen“ zu wollen.

Die öffentlichen Räume des Nationalstaats und globaler Entwicklungen korrespondieren nicht. Die wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen in Asien lassen sich weder in Berlin und Brüssel noch in Washington und New York regeln. Das Tempo der demokratischen Prozesse in westlichen Staaten kommt mit den schnellen Veränderungen nicht mit. Aber jede globale Veränderung muss sich lokal bewähren. Denn Produktion und Dienstleistung sind ortsgebunden. Der Ort zur gesellschaftlichen Bändigung des Globalen ist das Lokale. Selbstorganisation setzt Gemeinschaftsgeist in politische Selbstbestimmung um.

Mehr Dezentralität auf den etablierten Wegen der Politik durchzusetzen, ist selbst in der Schweiz, wo davon noch mehr übrig ist als anderswo, mittelfristig wohl unrealistisch. In Deutschland dürfte das auf absehbare Zeit in keiner Partei Aussicht auf Erfolg haben. Der Boden dafür kann nur durch freie Kräfte in der Gesellschaft bereitet werden. Aber Verbündete lassen sich auch in den Parteien finden. In Österreich hat sich eine überparteiliche Plattform für Bildungsreform, für eine autonome Schule gebildet, die Bewegung in die festgefahrene Bildungsdiskussion bringt. Das kann ein guter Ansatz für die Selbstorganisation freier Bürger sein.

Es sind die Bürger selbst, welche die Kluft zwischen ihnen und der Politik, zwischen ihnen und den Eliten des Landes schließen können. In dem Ausmaß, in dem ihr eigenes Engagement wächst, wird die Bereitschaft der Eliten zunehmen, darauf einzugehen.

Den Weg für die freie Selbstorganisation bahnen kann nur eine Strategie vieler Wege sein.

• Den Mitwirkungswilligen und Unterstützern eine Plattform
• Eine überparteiliche Initiative der Mitwirkungswilligen
• Werben für Unterstützung in gesellschaftlichen Organisationen und Parteien

Zu Beginn eines Jahrhunderts, in dem

• der Ruf nach Krieg als Mittel der Politik auch in westlichen Demokratien wieder erklingt,
• Grundfreiheiten der EU nicht mehr selbstverständlich sind und
• die Kluft zwischen Volk und Eliten weiter zunimmt,

ist die Selbstbesinnung der Bürger auf ihre eigenen Lösungskompetenzen und deren Aktivierung nötiger denn je. Der Staat sind wir alle. Ja, ohne Bürger ist der Staat nichts. Die Einzelne sind es, welche die Gesellschaft vom Kopf auf die Füße stellen können. Denn sonst geschieht es nicht.

Aber ob wir Neues bauen, Oder Altes nur verdauen,
Wie das Gras verdaut die Kuh;
Ob wir in der Welt was schaffen, Oder nur die Welt begaffen,
Das tut, das tut was dazu.

Die Strategie des menschlichen Maßes

Die Strategie des menschlichen Maßes setzt auf Selbstregulierung, weil diese intelligenter, flexibler und anpassungsfähiger ist als jede Bürokratie. Die Strategie des menschlichen Maßes will, dass die Bürger die Delegation von Aufgaben der Gemeinschaft an die Politik rückgängig machen und in die eigenen Hände nehmen können. Damit Staat und Politik sich auf das Setzen von Spielregeln des Rechts und die Sicherstellung ihrer Einhaltung konzentrieren können: auf die Rolle des strengen Schiedsrichters statt der nachsorgenden Feuerwehr.

Den Mitwirkungswilligen und Unterstützern eine öffentliche Plattform

Initiativen, die die Strategie des menschlichen Maßes lokal und regional in Teilbereichen verwirklicht haben, gibt es in vielen Teilen Europas. Aber sie alle arbeiten getrennt, ohne voneinander auch nur zu wissen. Deshalb ist eine gemeinsame Plattform notwendig, ein Internet-Portal zum Austausch von Erfahrungen und Organisation von Aktionen: Basis.Active.

Eine überparteiliche Initiative der Mitwirkungswilligen

Die themengebundenen Projekte von Basis.Active stehen den Mitwirkungswilligen aus allen Parteien und gesellschaftlichen Organisationen offen, die bei der Realisierung der Strategie des menschlichen Maßes mitmachen wollen. Sie können sich auf Basis.Active registrieren.

Werben für Unterstützung in gesellschaftlichen Organisationen und Parteien

Vor allem lädt das Basis.Active jene aus anderen Einrichtungen ein, die in ihren Parteien und anderen gesellschaftlichen Organisationen für die Ziele der Strategie des menschlichen Maßes werben wollen.

Dezentralisierung

Als erste Gemeinschaftsaktion will Basis.Active über ihre Unterstützer in allen Parteien

• eine Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur Neuordnung der Kompetenzen und des Zusammenwirkens von Gemeinden, Ländern und anderen Gebietskörperschaften sowie von Bund und EU ins Leben rufen, an der auch Selbstorganisationen der Bürger mitwirken.

Dabei ist es für Basis.Active besonders wichtig, dass nationale Grenzen bei dieser Neuordnung keine Rolle spielen dürfen. Die politische Union Europas muss organisch dort ansetzen, wo ihre Bürger täglich leben und arbeiten. Die Wege von einer Seite des Rheins auf die andere sind nun einmal kürzer als vom Rhein an die Elbe und an die Oder.

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