#1 Heimat bewahren und verwirklichen von Hajo 18.01.2015 19:17

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Heimat

Hajo v. Kracht, Kommune, 2. März 1984

  • Wenn sich die Winzer am Kaiserstuhl gegen den Bau des Atomkraftwerks in Wyhl militant und erfolgreich zur Wehr setzen und der Widerstand der Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen im „Dreyeckland" auch nach zehn Jahren noch ungebrochen ist;
  • wenn die Einwohner auf dem Fildern südlich von Stuttgart zu Zehntausenden Einspruch gegen den Flughafenausbau erheben (weil zum Beispiel eine der wenigen schönen Waldflächen auf der Gemarkung von Leinfelden-Echterdingen abgeholzt werden soll);
  • wenn die Bundschuh-Genossenschaft seit sechs Jahren erbittert liegen die Teststrecke von Daimler-Benz bei Boxberg ficht (und ihr dabei von CDU, SPD und FDP im Landtag in den Rücken gefallen wird);
  • wenn überhaupt Bürgerinitiativen auf den Plan treten und sich wehren: gegen das Zupflastern der Landschaft durch Autobahnen, gegen die Zerstörung von Seeufern, Biotopen ... ;
  • aber auch allgemeiner: wenn Bürgerinitiativen sich bilden für den Erhalt einer Schule oder für ein selbstverwaltetes Jugendzentrum, ein Kommunales Kino oder die Ausweisung eines Naturschutzgebietes

... dann steckt dahinter immer der Kampf um ein Stück Heimat: für die Bewahrung natürlicher Lebensbedingungen für Mensch, Tier und Pflanzen; für den Erhalt gewachsener (oder auch erst das Anknüpfen neuer) sozialer, zwischenmenschlicher Beziehungen: für ein Sich-heimatlich-Machen oder ein Sich-wieder-heimatlich-Machen in einer unwirtlich gewordenen Welt.

Und wenn die Menschen zu Hunderttausenden gegen den Rüstungswahnsinn auf die Straßen gehen, dann spielt dabei eine wesentliche Rolle, daß sie erkannt haben, daß nicht irgendwelche äußeren Feinde ihre Heimat bedrohen, sondern daß diese Heimat fundamental bedroht wird durch die Handlungen der eigenen Regierung.

Man könnte soweit gehen zu sagen, daß die Bewahrung und das Wahrmachen von Heimat der zentrale politische Gedanke der Ökologie-Bewegung ist.

Und doch haben viele von uns Schwierigkeiten mit dem Begriff Heimat; klingt er doch nach Heimatromanen mit ihrer verlogen-romantisierenden heilen Pseudo-Welt; klingt er nach Heimat- und Trachtenvereinen, die in der Vergangenheit — wo sie sich überhaupt politisch geäußert haben — eher rechtsaußen standen; oder jenen touristischen „Heimatabenden", auf denen sich die Feriendörfer den Urlaubern aus der Stadt folkloristisch schenkelklatschend darbieten; klingt er auch nach den Heimatvertriebenenverbänden, die aus dem „Recht auf Heimat" oft eine revanchistische Politik der „Wiederangliederung der deutschen Ostgebiete" abgeleitet haben; riecht er doch für manchen verdächtig nach dem Geruch, der sich ergibt, wenn Blut und Boden in Nähe zueinander geraten. Und zu allem Überfluß hat die „Neue Heimat" diesen Begriff nun auch bei gewerkschaftlich orientierten Leuten ganz in Mißkredit gebracht. Fazit: „beschädigt und ausgefranst, aber auch schönfärberisch übertüncht, jedenfalls nicht mehr zu gebrauchen." — Die Konsequenz ist für die meisten Grünen, von denen sich viele als Linke verstehen, daß sie den Begriff Heimat vermeiden, daß sie ihn den rechten Traditionsvereinen und den Sonntagsrednern der CDU und CSU überlassen und lieber in gut sozialdemokratischer Weise von Fortschrittlichkeit und Veränderung, von Reform und Wandel reden, ohne zu sehen, daß jede fortschrittliche Veränderung politischer Verhältnisse um den Erhalt von Werten vollzogen wird, die im anderen Fall unter die Räder kämen. Oder wie Erhard Eppler die „Progressiven" erinnerte: „daß sie Machtstrukturen nur verändern können, wo sie sich auf Werte berufen können, die tief in der europäischen Tradition verwurzelt sind."

Ideologieanfällige Begriffe — und „Heimat" ist sicher ein solcher — sind nicht in der Weise zu bewältigen, daß sie programmatisch ausgeklammert werden. — Mein Vorschlag besteht darin, in eine öffentliche Auseinandersetzung um den Begriff Heimat einzutreten und den Nachweis zu führen, daß Heimat ein ökologischer, ein pazifistischer und ein demokratischer Begriff sein kann, wenn er befreit wird von dem Schutt, den die Geschichte auf ihm abgeladen hat. Damit wäre ein praktischer Anwendungsfall dafür gegeben, was Rudolf Bahro angedeutet hat, als er sagte, man müsse sich produktiv mit dem wertkonservativen Gedankengut auseinandersetzen. Damit wäre auch der oberflächlichen Erwiderung begegnet, die von seminarmarxistischer Seite außerhalb (aber auch innerhalb) der Grünen gegen Bahros Position aufgebracht worden ist: die Grünen würden sich auf diese Weise der CDU ideologisch annähern. Denn wer sich den Motiven der Menschen — gerade auch der Menschen in den Bürgerinitiativen — in all ihrer Vielschichtigkeit, in ihrer Mißdeutbarkeit und ihrer politischen Mißbrauchbarkeit nicht stellt, die Auseinandersetzung darum nicht führt und die Begriffe nicht klärt, wer statt dessen solche Themen als bedenklich und gefährlich zu vermeiden sucht, tabuisiert — der wird auch die Köpfe und Herzen der Menschen nicht erreichen und verurteilt sich statt dessen zu politischer Unfruchtbarkeit; ebenso übrigens wie der, der sich umgekehrt der herrschenden Mentalität der Konservativen einfach anzupassen versucht, wie Herbert Gruhl mit seiner ÖDP, und der lernen muß, daß selbst Umweltschützer einer ökologischen Ersatz-CSU noch weniger an gestalterischer Kraft zutrauen als der CSU selbst.

Dabei sollten wir es auch dort, wo uns Heimatliebe offensichtlich fehlgeleitet erscheint, nicht dabei bewenden lassen, das Etikett „Heimattümelei" aufzukleben und uns angewidert abzuwenden: In den Ersatzangeboten können wir sehen, was den Menschen fehlt. — Mit den Worten Wilfried Schäfers: „Gerade die Allgegenwart solcher falscher, folkloristisch verbrämter Heimatklischees läßt hinter ihrer Konjunktur mehr als nur kommerzielles Interesse vermuten. Nämlich, daß hier vielleicht Bedürfnisse zum Vorschein kommen, die sich in der modernen Industriegesellschaft nur schwer befriedigen lassen."

Skizzen zur Entwicklung des Heimatbegriffs seit Rousseau

In Wirklichkeit ist es der Heimat ähnlich ergangen wie dem Kaiserquartett von Joseph Haydn, das Christoph Stählin besingt: Sie wurde mißbraucht und vergewaltigt von Machthabern aller Couleur und anschließend — so mißhandelt — von den kritischen Intellektuellen in Acht und Bann getan. Es soll hier nicht versucht werden, eine vollständige Darstellung der Entwicklung dieses Begriffs zu geben; statt dessen sollten wir versuchen, ob es nicht möglich ist — um mit Thaddäus Troll zu sprechen — „diese widerwärtig braunverschmutzte, in der Scheiße gelegene Münze" wieder zu reinigen . Dabei ist es sehr erhellend, wenn man sich besieht, was Philosophen, Pädagogen und Psychologen zum Thema Heimat zu sagen haben — und wie sehr sich unser öffentliches Bewußtsein, gerade auch wo es antifaschistisch sein will, einem technokratischen und geschichtslosen Menschenbild der beliebigen Verfügbarkeit ausgeliefert hat, das im Namen der aufgeklärten Vernunft weit unter dem Niveau dessen liegt, was man früher Weisheit nannte.

Bei Rousseau und bei Heinrich Pestalozzi steht die engere Heimat deshalb im Vordergrund ihrer pädagogischen Überlegungen, weil sie an einer Erziehung für die breite Mehrheit, für das „gemeine Volk" interessiert sind. Für den „Volkserzieher" Pestalozzi (1746 - 1827) ist die Anschauung das „absolute Fundament aller Erkenntnis" : Alle Gesetze, „denen die Entwicklung der Menschennatur unterworfen ist, wirbeln sich in ihrer ganzen Ausdehnung um einen Mittelpunkt, sie wirbeln sich um den Mittelpunkt unseres ganzen Seins, und dieser sind wir selber" . — Deshalb warnt er die Pädagogen: „Jede Führung, die uns in der Entfaltung unserer Kräfte und Fertigkeiten von dem Mittelpunkt ablenkt, auf welchem die Individualitätsbesorgung alles dessen ruht, was der Mensch durch die ganze Reihe seiner Lebenstage zu leisten, zu tragen, zu besorgen und zu versorgen verpflichtet ist", muß „als eine der guten menschlichen Kraftbildung entgegenstehende Führung angesehen werden."

Wenn über hundert Jahre später die Gedanken Pestalozzis von Eduard Spranger wieder aufgegriffen werden, ist für jeden echten Linken klar, wo so etwas hinführen muß. Nach Spranger (1882 — 1963), dem Philosoph der „Lebensformen", hat der Mensch, „wo er auch lebe, immer eine Umwelt, ein für ihn und seinen Lebensvollzug bedeutsames ‚Milieu', nicht aber eine Heimat. Eine Heimat hat er nur da, wo er mit dem Boden und mit allem Naturhaft-Geistigen, das in diesem Boden entsprossen ist, innerlich verwachsen ist. Es ist eine ganz falsche Vorstellung, daß man schon in eine Heimat hineingeboren werde. Zur Heimat wird diese gegebene Geburtsstätte erst dann, wenn man sich in sie hineingelebt hat . . . Das tiefe Verwachsensein aller Lebensenergien mit dem Boden läßt ihn erst zu Heimat werden ... Heimat ist erlebte und erlebbare Totalverbundenheit mit dem Boden. Und noch mehr: Heimat ist geistiges Wurzelgefühl" . — Und es war sicher kein Zufall, daß Spranger 1938 — kurz vor dem Einmarsch Hitlerdeutschlands in die Tschechoslowakei — vor Sudetendeutschen einen Vortrag über „Volkstum und Erziehung" hielt; dieser Vortrag erschien noch 1943 in einem Reclam-Heftchen, und in ihm legte Spranger den deutschen Erziehern jenen „unbesiegbaren Glauben" ans Herz, „der auch mitten unter Nöten und Gefahren des Volkstums sein Idealbild in der Seele so glühend festzuhalten vermag, daß sich der Lebenswille der Jugend daran entzündet und die heilige Flamme weiterträgt" .

Für eine fruchtbare Diskussion des Begriffs Heimat ist es allerdings wichtig, daß es auch andere Entwicklungsstränge gibt als den eben skizzierten, der in gerader Linie beim Nationalsozialismus landete. G.W.F. Hegel schreibt etwa in seiner Darstellung der griechischen Philosophie: Bei dem Namen Griechenland sei es dem gebildeten Menschen in Europa „heimatlich zumute" . — „Was aber uns heimatlich bei den Griechen macht, ist, daß wir sie finden, daß sie ihre Welt sich zur Heimat gemacht." — Hegel beschreibt nun, wie die Griechen in ihrer Mythologie sich selbst als den Ursprung der Welt begriffen haben, und er folgert: „In dieser existierenden Heimatlichkeit selbst, aber dann dem Geiste der Heimatlichkeit, in diesem Geiste des vorgestellten Beisichselbstseins, des Beisichselbstseins in seiner physikalischen, bürgerlichen, rechtlichen, sittlichen, politischen Existenz . . . liegt auch der Keim der denkenden Freiheit und so der Charakter, daß bei ihnen die Philosophie entstanden ist. Wie die Griechen bei sich zu Hause, so ist die Philosophie eben dies: bei sich zu Hause sein, — daß der Mensch in seinem Geiste zu Hause sei, heimatlich bei sich."

Wie für Pestalozzi hat auch hier die Heimat eine emanzipatorische Bedeutung: Wenn du bei dir selbst zu Hause bist, bist du frei, nicht versklavt vom Fremden. Der Gegenbegriff zur Heimat ist das Fremde, oder genauer: die Entfremdung. Wenn mir das ursprünglich Eigene fremd geworden ist, bin ich nicht mehr frei. Dies ist das Haupt-Thema des jungen Karl Marx, der die Ursache der Entfremdung in der Aneignung der menschlichen Arbeitskraft durch Fremde sieht: in der Teilung der Gesellschaft in Kapitaleigner und Proletarier, die ihre Arbeitskraft, und damit ihre Lebenskraft, verkaufen müssen. Die Enteignung der Großgrundbesitzer und die Übernahme des Grund und Bodens in die Hand der genossenschaftlichen „Assoziation" hat etwa für Marx die Bedeutung, „die gemütliche Beziehung der Menschen zur Erde" auf eine vernünftige Weise wiederherzustellen „indem die Erde aufhört, ein Gegenstand des Schachers zu sein, und durch die freie Arbeit und den freien Genuß wieder ein wahres persönliches Eigentum des Menschen wird" . — Der Kommunismus wird von Marx an einer berühmt gewordenen Stelle gesehen „als positive Aufhebung des Privateigentums als menschlicher Selbstentfremdung und darum als wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen; darum als vollständige, bewußt und innerhalb des ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung gewordene Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen, d.h. menschlichen Menschen" .

Äußerungen wie diese, die sich in den Frühschriften von Marx zuhauf finden und die sich (wenn auch nur in Spuren) bis in das „Kapital" hinein verfolgen lassen, haben Philosophen wie Erich Fromm und Ernst Bloch dazu veranlaßt, genau diesen Punkt des „Zurückkommens" zum zentralen Anliegen von Marx zu erklären. Erich Fromm etwa interpretiert als das Ziel von Marx „den Umbau der Gesellschaft in der Art, daß sie zur Grundlage der wahren Rückkehr des Menschen zu sich selbst würde" . — Für Marx, so versteht Fromm ihn, bedeutet Sozialismus „eine Welt, in der der Mensch nicht mehr ein Fremder unter Fremden, sondern in seiner Welt, wo er zu Hause ist" . — Und Ernst Bloch läßt sein Buch „Das Prinzip Hoffnung" gar in einer lyrischen Coda auf die Heimat hin enden: „Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Sein ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat."

Marx macht allerdings klar, daß es nicht allein die Herrschaft der „falschen Klasse" ist, die die Schuld trägt an der Entfremdung. Die kapitalistische Produktionsweise im allgemeinen und Mehrwertgesetz sowie der Fetisch Geld im besonderen sind es, die zwischen die Menschen und ihre unmittelbaren Bezugsobjekte treten: Die Dinge gelten nicht mehr als konkrete; sie zählen nurmehr vermittels ihres abstrakten Geldwertes: „Der Mineralienkrämer sieht nur den merkantilistischen Wert, aber nicht die Schönheit und eigentümliche Natur des Minerals; er hat keinen mineralogischen Sinn." — Was dazu führt, daß die konkreten Bezüge beliebig austauschbar werden: Das Individuelle wird zum „Exemplar". Daß diese Verwischung der Besonderheit nicht nur bestimmte Gegenstände, sondern als Bumerang-Effekt auch das eigene Selbst infragestellt und deshalb als Identitätsverlust und als bedrohlich empfunden wird, unterstreicht die Brisanz dieser These von Marx — wenngleich, wie wir noch sehen werden, in einer von Marx selbst so nicht erwarteten Weise.

Spätkapitalistische Heimatideologie contra Die sozialistische Heimaterde

Nun ist es interessant, zu sehen, wohin es dieser — sozialistische —Heimatbegriff bringen kann: So einfach wie die westdeutschen Sozialisten, die die Beschäftigung mit solchen Begriffen rundweg ablehnen, können es sich die regierenden Sozialisten in der DDR natürlich nicht machen. Die „Akademie der Wissenschaften der DDR" hat dazu ein Buch von Günter Lange herausgegeben, das den DDR-offiziellen Standpunkt darstellt: Erstens ist, ganz im Sinne von Marx, der Sozialismus Voraussetzung für die Aufhebung von Entfremdung und damit für das Wahrmachen von Heimat: „Indem wir uns diese Welt praktisch aneignen, verliert eine Region nach der anderen die Attribute des Fremden, weitet sich auch hier der Bereich, in dem wir heimisch geworden, den wir deshalb Heimat nennen dürfen." — Wobei übrigens der technische Fortschritt bis hin zum „kühnen Flug der Kosmonauten" ausschließlich als Ausweitung der Heimatlichkeit interpretiert wird — wenn er nur die richtigen Embleme an der Raumkapsel vorweist. Heimat ist deshalb zweitens — im Gegensatz zu Bloch — nicht nur Utopie, sondern im Arbeiter- und Bauernstaat bereits Errungenes: „Bekenntnis zur sozialistischen Heimat." — Und frisch-fromm-fröhlich-frei zitiert der Autor aus dem Liederheft „Frisch auf singt all ihr Musici" das Lied: „Junge Pioniere lieben die Natur", in dem es heißt: „Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer, unsre Heimat sind auch all die Bäume im Wald. Unsre Heimat ist das Gras auf der Wiese, das Korn auf dem Feld, und die Vögel in der Luft und die Tiere der Erde und die Fische im Fluß sind die Heimat. Und wir lieben die Heimat, die schöne, und wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört, weil sie unserem Volke gehört." — Der DDR-Wehrkundeunterricht liegt hier schon in der Luft.

Drittens polemisiert der Autor gegen den „reaktionären" Heimat-Gedanken im Westen, weil nämlich dieser das Proletariat von der sozialistischen Revolution abhalte: „Die innere Funktion der bürgerlichen Heimatideologie" , die Lange für ein „giftiges Unkraut" hält, sei es, „die kapitalistischen Verhältnisse in den Augen der Volksmassen apologetisch zu verklären. Man erklärt die blinde Anpassung an das kapitalistische Milieu zur Norm und verschleiert die historische Mission der Arbeiterklasse." — Was schließlich viertens das „Recht auf Heimat" im Sinne der Heimatvertriebenen angehe: dies sei ein schäbiger Trick des Revanchismus, der die „Ostgebiete heim ins Reich" führen wolle und dafür die Sentimentalität bestimmter Leute schamlos benutze, daß vielmehr Heimat gar nichts mit dem Geburtsort zu tun habe und „daß ein anspruchsvoller Mensch von seinen Gewohnheiten nicht beherrscht wird" . — Dem Autor geht es offenbar nicht mehr darum, einem anthropologischen Phänomen gerecht zu werden; vielmehr fragt er von vorneherein nur noch danach, wie der Wunsch nach Heimat für den Aufbau des Sozialismus funktional gemacht werden kann. Es ist bezeichnend, in welches Malheur sich eine Ideologie bringt, die einerseits den Menschen als reines Material betrachtet für die „große Geschichte", die sie zu schreiben gedenkt, die andererseits an den Bedürfnissen der Menschen anknüpfen muß, wenn sie diese zur „Verteidigung des Sozialismus" mobilisieren will.

Heimat heute — überflüssig wie ein Kropf?

Sehen wir hinter den Aspekt des Mißbrauchtwerdens, hinter die dunklen Absichten der „Vaterlandsverteidiger" von hüben und drüben, dann wird klar, daß all diese Operationen mit dem Rohmaterial „Heimat" deshalb stattfinden, weil sich dort ein starker, naturwüchsiger Wesenszug des Menschen verbirgt. Oder — wenn man den Ausdruck lieber hat — eine Sehnsucht, die einerseits utopisch ist, weil sie an einen Ort will, an dem sie sich immer nur eingebildet hat, gewesen zu sein; andererseits konkret, weil sie ja dort war, vielleicht immer noch ist und dort bleiben möchte.

So etwas kann man ein dialektisches Verhältnis nennen. Während einerseits Spranger als Vorbild des struktur-konservativen Menschenbildes Heimat so faßt, daß es „die umfangenden, seelisch schützenden Kräfte des Bodens" sind, an die der Mensch sich anzupassen habe, und dabei unterschlägt, daß es doch vor allem die Menschen selbst sind, die die Heimat ausmachen, daß es die gesellschaftlichen Verhältnisse sind, die den Menschen bei sich zu Hause sein lassen, daß selbst die Naturlandschaft wesentlich vom Menschen gestaltet und geprägt ist, und der dadurch eine Philosophie des Untertanen formuliert, löst andererseits die orthodoxe marxistische Philosophie die konkrete Heimatlichkeit vollständig auf in die Utopie jenseits der Entfremdung, stellt die konkreten Verhältnisse der Menschen als vollkommen entfremdet, vollkommen nicht-erhaltenswert jenem utopisch gedachten Beisichzuhausesein gegenüber, macht so die „Heimat" zu jenem ganz Andren, Fremden, und wird dann in der Praxis nicht mit der Tatsache fertig, daß den meisten Menschen der Spatz in der Hand lieber ist als die Taube auf dem Dach, daß die meisten Menschen nicht das ganz Andere wollen (das auch schon mal schiefgegangen ist), sondern das, was sie bereits einmal gespürt haben, was ihnen vertraut ist.

Dabei fehlt es nicht an Stimmen, die — allerdings jenseits des politischen Kanonendonners — eine sehr differenzierte Haltung zu dem Begriff Heimat entwickelt haben. Ich möchte hier Alexander Mitscherlich nennen, der bereits 1965 die „Unwirtlichkeit der Städte" angeprangert hat, die die Menschen zu Sozialkrüppeln macht, weil sie nicht mehr „beheimatend" wirken: „Die gestaltete Stadt", sagt Mitscherlich, „kann ‚Heimat' werden, die bloß agglomerierte nicht, denn Heimat verlangt Markierungen der Identität eines Ortes" , und er verweist auf die Bedeutung solcher Markierungen „als seelische Ruhepunkte": sie „stellen ein Stück der Selbstvergewisserung für den dar, der dieser Stadt mit verdankt, was er ist". — Hier unterscheidet sich Mitscherlich auch radikal von Spranger. Während Spranger aus seiner Erdschollen-Metaphysik heraus von vorneherein kein Verständnis für die Stadt entwickeln kann („Der Mensch bedarf eines ... Wurzelns in der Erde. Das ist das Elend des Großstädters — der im Übrigen auch ein starkes Heimatgefühl haben mag ... — daß er nicht mehr tief einwurzeln kann in den Boden und die umfangenden, seelisch stützenden Kräfte des Bodens; daß er nicht mehr im belebenden Kraftaustausch mit der Heimaterde und ihrer Individualität lebt ... " , stellt sich für Mitscherlich die Aufgabe, wie der Mensch in unserer Kultur, die wesentlich eine städtische ist, „Zugehörigkeitsgefühl zu einem Ort und Initiative" entwickeln kann: „Um Schwung zu haben, muß man sich von einem festen Ort abstoßen können, ein Gefühl der Sicherheit erworben haben. Wenn Jugendliche aus den Slums oder aus komfortablem Vorstadtmilieu mit emotionaler Spar- und Rohkost aufgezogen — wenn beide Jugendliche, äußerlich so verschiedener Herkunft, plötzlich sadistische Gewalttaten verüben, an blindem Zerstörungsdrang Gefallen finden ... — dann wird mir eine gewisse, sich ganz unsentimental gebende soziologische Auffassung, die das alles als Unvermeidlichkeiten des sozialen Daseins hinzunehmen bereit ist, fragwürdig. Es gibt einen modernen Snobismus: Er kommt sich wirklichkeitsnahe, aufgeklärt vor, weil er die sentimentalen Rückwärtsträume unter der Last dessen, was uns gegenwärtig wehtut, nicht mitmacht; aber de facto vollzieht er ein faules appeasement mit allem, was ungekonnt, brutal, verachtungswürdig an unserer Gegenwart ist ... Warum werden unsere städtischen Kinder nicht wie Kinder von Menschen behandelt, sondern wie Puppen oder Miniaturerwachsene, von infantilisierten Erwachsenen umgeben, deren städtische Vorerfahrungen sie dermaßen beschädigt haben, daß sie schon gar nicht mehr wissen, was der Mensch bis zum 6., bis zum 14. Lebensjahr für eine Umwelt braucht, um nicht später ein Renten- und Pensionsbettler zu werden?"

Als aktuelle Stellungnahme möchte ich auf das Buch von Peter Sloterdijk hinweisen, der zu ganz ähnlichen Formulierungen kommt wie Mitscherlich: „Sapere aude! (Wage es, deine Vernunft zu gebrauchen!) bleibt der Wahlspruch einer Aufklärung, die auch im Zwielicht modernster Gefahren der Einschüchterung durchs Katastrophale widersteht. Nur aus ihrem Mut kann sich noch eine Zukunft entwickeln, die mehr wäre als eine erweiterte Reproduktion der schlimmsten Vergangenheit. Solcher Mut speist sich aus den so dünn gewordenen Strömen der Erinnerung an ein spontanes, von niemandem gemachtes In-Ordnung-sein-Können des Lebens."

Dies sind nur zwei Stimmen von vielen, die hier aufgezählt werden könnten und die klarmachen sollen, daß der Begriff Heimat unendlich wichtig ist; daß er auch deshalb permanent von den Struktur-Konservativen aufgegriffen und verdreht wird, weil er so wichtig ist. Es erschwert die Debatte innerhalb der grünen Parteitage enorm, daß die Unterscheidung zwischen „Wert-" und „Strukturkonservativen", die Erhard Eppler 1975 vorgeschlagen hat , von den einen Debattanten verwendet, von den anderen aber entweder nicht begriffen oder (bewußt, aber unerklärtermaßen) zurückgewiesen wird. Eppler selbst hat angemerkt, daß es in vielen Fällen besser wäre, statt von „Strukturkonservativen" von „Machtkonservativen" zu sprechen — ist doch das Konservieren der eigenen Macht ihr einzig wirklich „bewahrendes" Interesse —und wenn die Welt dabei in Brüche geht; Menschen, Werte und Strukturen inbegriffen. Jedenfalls sollten auch diejenigen, die diese Unterscheidung ablehnen, zur Kenntnis nehmen, daß, wer von Wertkonservativismus redet, nicht die CDU-Politik meint, sondern jene Haltung, die sich um der Wahrung des Lebens und seiner elementaren Werte willen auch zu einschneidenden Veränderungen in der gesellschaftlichen Struktur, wenn auch schweren Herzens, durchzuringen imstande ist.

Norbert Mecklenburg schrieb in der Neuen Zürcher Zeitung: „Wir können die Welt nur verändern, wenn wir sie bejahen. Wir brauchen ein Stück vorgefundener Heimat, ‚Einwurzelung‘ (Simone Weil), wenn wir mehr Heimatlichkeit in der Welt herstellen wollen." — Die Antwort auf die Frage, ob und in welcher Weise es möglich ist, nicht nur an den negativen, bedrohlichen, feindlichen Elementen der Wirklichkeit, sondern auch an solchen Spuren noch-vorhandener Heimatlichkeit im Leben anzusetzen, wird meines Erachtens darüber entscheiden, ob politische Veränderungen überhaupt möglich sind. In dieser Frage gibt es innerhalb der Grünen divergierende Standpunkte. Thomas Ebermann empfahl auf dem Bundesparteitag in Hannover in bester marxistischer Tradition eine Strategie der allseitigen Konfliktverschärfung und berief sich dabei auf Karl Marx, der an einer bekannten Stelle sagte: „Es handelt sich darum, den Deutschen keinen Augenblick der Selbsttäuschung und Resignation zu gönnen. Man muß den wirklichen Druck noch drückender machen, indem man ihm das Bewußtsein des Drucks hinzufügt, die Schmach noch schmachvoller, indem man sie publiziert. ... man muß diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen die eigene Melodie vorsingt! Man muß das Volk vor sich selbst erschrecken lehren, um ihm Courage zu machen." — Dem widerspricht der hier vorgeschlagene Ansatz natürlich diametral. Aber — wie schon ausgeführt — vielleicht ist die totale Gegenübersetzung von böser Wirklichkeit und guter Utopie, wo dann die Utopie an gar nichts mehr ansetzen kann, wo sie nicht mehr die utopische Verlängerung bestimmter bejahter Elemente der Wirklichkeit ist — vielleicht ist dieser hegelianische Totalitarismus ja gerade die Crux an Marx und die Erkenntnis dieser Crux das Verdienst von Leuten wie Bahro oder auch Andre Gorz; und vielleicht ist das Sich-Versteifen auf bestimmte Marx-Zitate auch nur das Eingeständnis, daß manche unserer Hamburger Freunde mit der wirklichen Dialektik der geschichtlichen Entwicklung nicht mehr mitkommen.

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf

Da hier möglicherweise der Zentralpunkt liegt, wo sich nicht nur im innerparteilichen Gerangel innerhalb der Grünen, sondern auch zwischen den „Roten" und den „Grünen" überhaupt die Geister scheiden, möchte ich darauf hinweisen, wie sehr verschieden etwa Marx und Gorz die „niederreißende" Leistung der Bourgeoisie in der Zeit ihres historischen Auftretens sehen. Marx und Engels bejubeln im „Kommunistischen Manifest" geradezu die Zerstörung scheinheiliger feudaler Harmonie durch die Bourgeoisie: „Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose ‚bare Zahlung‘. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser der egoistischen Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwerten aufgelöst ..." — Lange interpretiert das hier angegebene Marx-Zitat ganz entsprechend: Die Destruktion durch die Bourgeoisie war ein historischer Fortschritt. „Dessen ungeachtet erschien er vielen Menschen . . . wie ein Verlust an heimatlicher Substanz."

Heute, nachdem der Kapitalismus im Zuge der soundsovielten Welle der technisch-industriellen Revolution dabei ist, die letzten Reste „autonomer Fähigkeiten" der Menschen zu beseitigen, sehen wir mit André Gorz paradoxerweise „in der Erweiterung dieser Spielräume die Grundbedingung realer Arbeitermacht" ; erkennen, daß „Sankt Marx" (Gorz) die strikte Trennung in Erscheinung und Wirklichkeit so nur behaupten kann, wenn er sich im Besitz des „Sinnes der Geschichte" weiß: Das Kriterium, ob eine Veränderung ein Fortschritt oder ein Verlust ist, wird dieserart den Betroffenen entzogen und ganz in die Verantwortung des theoretischen „Überblickers" gelegt, der dann — kaltschnäuzig wie Jaruzelski — den konkreten Subjekten, den Arbeitern, das Proletariat als „mystische Wesenseinheit" gegenüberstellen kann. Der ironischen Schärfe, mit der Gorz diese Arroganz der Theorie über das Leben attackiert, ist nichts hinzuzufügen: Der Marxismus ist „eine Philosophie hegel'scher Struktur (…), deren Prophetismus keine andere Grundlage hat als die den Geist des Propheten erleuchtende Offenbarung" . — Seit der Traum des immerwährenden Wachstums und des technischen Fortschritts ausgeträumt ist, wissen wir, daß das eine Fiktion war: „Wir gehen nirgendwo hin, die Geschichte erzeugt keinen Sinn. Von ihr ist nichts zu erhoffen, auch ist ihr nichts zu opfern. Es geht nicht darum, sich einem transzendentalen Projekt zu widmen, das vom Leiden erlöst und mit Zinsen den Preis für unseren Verzicht zurückzahlt. Nunmehr heißt es im Gegenteil zu klären, was wir wollen."

Versuch eines Ökologischen Verständnisses von Heimat

Nach dem Gesagten ist klar, daß wir uns als Grüne nicht auf feindlichen Boden begeben, wenn wir den Begriff Heimat für uns beanspruchen: In dem, was die Menschen unter Heimat schon immer verstanden, steckt etwas Ur-ökologisches. Daß der Mensch nämlich in dem Geflecht von Beziehungen, das unsere Welt ausmacht, selbst einen Punkt einnimmt und einnehmen muß, wo er „hingehört", von dem aus er die Welt „begreifen" kann im vollen Wortsinne. Das Wort ist daher auch geeignet als einfaches Kriterium zum Durchschauen und zur Beurteilung von Vorgängen: So sind die Starfighter des Militärflughafens Bremgarten (bei Freiburg) erwiesenermaßen wichtige Mitverursacher des Waldsterbens, also der Zerstörung von Heimat. „Heimatlos" aus Prinzip sind heute nur die multinationalen Konzerne: „Rastlos läuft das Kapital von Ort zu Ort, hat als einziges Ziel seine Vermehrung."

Ich will im folgenden die wichtigsten Aspekte eines ökologischen Heimatverständnisses nennen. Dabei muß klar sein, daß viele Leute etwas ganz anderes meinen, wenn sie Heimat sagen. Andererseits erhebe ich nicht den Anspruch, hier besonders originell zu sein oder umwerfend Neues zu sagen. Vielmehr scheint das meiste, was in unserem Zusammenhang wichtig ist, mitten im Zeitgeist zu liegen und nur noch darauf zu harren, politisch halbwegs vernünftig umgesetzt zu werden. Wie immer, hinkt auch hier die programmatische Formulierung im unmittelbaren Politik-Bereich dem hinterher, was an der „Graswurzel" längst sich vollzogen hat. Der — durchaus aufmüpfig geführte — Kampf um die Bewahrung von Heimat gegen industrielle Gigantomanie, gegen exterministische Megatotenspiele und dafür, dem Menschen nicht mehr und nicht weniger als eine ökologische Nische zu schaffen, wo er in Frieden leben und sich entfalten kann, bestimmt längst das „alternative Lebensprogramm" der Bürgerinitiativbewegung und strahlt heute schon mächtig hinüber in die Köpfe und Herzen von Menschen, die heute noch nicht im Traum daran dächten, etwa die Grünen zu wählen. Eine Aneignung der Begrifflichkeit von Heimat durch die Grünen wird nicht nur diesen Menschen erleichtern, sich selbst und ihre Anliegen in der Politik einer radikal ökologischen Partei wiederzufinden. Sie wird auch uns endlich dazu bringen, uns nicht mehr aus Angst davor, mit den schwarzbraunen Schlacken, die an diesem Begriff wie an vielen anderen hängen, ihm aber nicht wesenseigen sind, vermengt zu werden, in eine technokratische Sprache zu flüchten, die unseren eigenen Intentionen gar nicht angemessen ist.

1. Heimat ist die als zuverlässig erfahrene und verstandene Grundlage, ist jenes „Ur-Vertrauen des Kindes in die Verläßlichkeit der Welt" , das die Sicherheit gibt, von der aus weitere Bereiche der Welt, die Fremde, erforscht und der eigenen Persönlichkeit aufgeschlossen werden können. Sie ist somit eine wesentliche entwicklungspsychologische Voraussetzung für die Herausbildung einer reifen Persönlichkeit . Dieses Moment von Heimat ist sehr stark auf zwischenmenschliche Beziehungen ausgerichtet. Der Kern dieser Heimat ist in der Regel die Mutter. Aber auch funktionierende nachbarschaftliche Verhältnisse gehören hierzu.

2. Heimat ist der Teil der Welt, der mir in besonderem Sinne anvertraut ist, für den ich in besonderem Maße Verantwortung habe. Wenn hier etwas in die Brüche geht, bin ich persönlich „Betroffener". Die Idee, daß es „Betroffene" gibt, die ein ausgezeichnetes Maß an Mitspracherecht beanspruchen können, geht ja von der Einsicht aus, daß der Mensch nicht stark genug ist, sich gegen alles Unrecht auf der Welt in gleichem Maße zu engagieren, „daß, wie alle Ressourcen dieser Welt, auch die affektiven Ressourcen, die psychischen Aufnahmekapazitäten, begrenzt sind" .

3. Heimat hat keine festen Grenzen, sondern einen mit dem Heranwachsen der Persönlichkeit sich ausweitenden Horizont. In vielen Fragen wird die Stadt oder die Region, in der ich aufgewachsen bin, mein heimatlicher Bezugspunkt sein. Aber in anderem Sinne kann es soweit gehen, daß ich „jenen blauen Planeten" als meine Heimat betrachte; etwa wenn ich an die Ausrottung der Wale denke oder an die Rodung des brasilianischen Urwalds. Man kann sich vorstellen, daß konzentrische Kreise den Menschen umgeben, wobei das Verantwortungsgefühl um so stärker ist, je enger der Kreis gezogen ist. Es ist eine der vielen tragischen Auswirkungen der modernen weltwirtschaftlichen Verflechtungen, daß jeder Mensch heute tagtäglich indirekt einwirkt auf Teile der Welt, zu denen er kaum emotionale Kontakte entwickelt hat: An jeder Chiquita-Banane, die wir im Supermarkt kaufen, klebt der Schweiß und die Verzweiflung eines brasilianischen Plantagenarbeiters — aber wer ist schon imstande, bei jeder seiner Alltagshandlungen alle ihre Nebenwirkungen mitzubedenken?

4. Diese Offenheit der Grenze von Heimat ist sehr wichtig. Markiert sie doch den Kontrast zu einem anderen Begriff, der hier leicht ins Spiel kommt: das Vaterland. Während die Heimat zunächst das ist, was mir Halt in der Welt gibt, von dem mir auch die Kraft entsteht, mich der Welt gegenüber zu öffnen, ist das Vaterland von Anfang an ein patriarchalischer, abgrenzender Begriff: Für das Vaterland hatte man zu sterben und zu töten. Auch der Lokalpatriotismus richtet sich immer gegen andere und ist deshalb nicht dasselbe wie die Heimat. Dabei ist die von Teilen der Friedensbewegung ausgehende Diskussion um ein neues Verständnis an Nation, Souveränität usw. sicher von eigenem Interesse. Ich plädiere aber dafür, diese ebenfalls sehr komplexen Fragen nicht vornherein mit der ökologischen Bestimmung des Begriffs Heimat in einen Topf zu werfen.

5. Besonders in den Randgebieten der großen Nationalstaaten und in den ethnischen Minderheiten drückt sich das Heimatbewußtsein als ethnischer Nationalismus bzw. kämpferischer Regionalismus aus. Die Region wird erlebt als Ort, an welchem Menschen, ausgestattet mit dem Bewußtsein ihrer räumlichen Besonderheiten, sich als Opfer eines gefräßigen, alles sich anverwandelnden Zentralismus erfahren. Hier wird der Dialekt ein Mittel der kulturellen Selbstbehauptung, so wie etwa die Suche nach den Wurzeln („roots") der US-amerikanischen Schwarzen für ihre Widerstandskraft von eminenter Bedeutung war. — So, wie in diesen Regionen ein „Internationalismus der Regionen" entstanden ist, bedarf auch die Heimatliebe eines Internationalismus, der das Heimatrecht der Sinti ebenso anerkennt wie das des Schwarzwaldbauern

6. Das „Recht auf Heimat" kann immer nur das Recht sein, sich die Welt heimatlich zu machen; niemals kann daraus das Recht abgeleitet werden, anderen Menschen Heimat streitig zu machen, noch viel weniger, einen Krieg anzuzetteln. Den historisch schwierigen und komplexen Fragen der Heimatvertreibungen und Umsiedlungen unter Stalin, der Gastarbeiter, der Menschen, die im Exil leben mußten und müssen (Deutsche und Juden während des „Dritten Reichs", Afghanen und türkische Demokraten heute) wird man mit einigen hingeworfenen Bemerkungen dieser Art natürlich nicht gerecht; es geht mir im Rahmen dieses Aufsatzes auch nur darum, zu zeigen, daß ein ökologischer Heimatbegriff auch Platz läßt für eine angemessene, solidarische und mitmenschliche Behandlung dieser Fragen.

7. Heimat ist nicht in jedem Fall „so, wie es früher war". Sich beheimaten heißt immer auch, sich „einzurichten" in der Welt und sie so zu gestalten, daß sie für uns Menschen zur Heimat werden kann. Viele Voraussetzungen für eine wirklich heimatliche Welt müssen wir heute erst noch (oder wieder) schaffen. Dabei erweist sich Heimat immer mehr als „dysfunktionales Element" , als „Sand im Getriebe" (Günter Eich) einer Produktionsstruktur, der Wirtschaftswachstum, Rationalisierung und Automation alles, der Mensch nichts gilt.

Selbstverständlich sind diese sieben Punkte noch zu erweitern und zu ergänzen. Ich möchte allerdings nicht die Erwartung wecken, daß sich ein solcher Begriff als eine „eierlegende Wollmilchsau" erweist: es ist sicherlich nicht möglich, alle Aspekte und Probleme ökologischer Politik mit einem solchen Begriff „abzudecken", wenn man nicht sehr dogmatisch vorgehen will. Insbesondere gibt es einige offene Fragen und Probleme, die noch erarbeitet werden müssen, um im Getümmel des politischen Alltagsgeschäfts nicht grundlegend mißverstanden zu werden. Einige davon sind schon angedeutet: Ein Begriff von Heimat, der keinen Platz läßt für internationale Solidarität, ist ebenso zu kurz gegriffen wie einer, der keine Auskunft geben kann auf die Frage nach der Solidarität mit Asylsuchenden und ausländischen Arbeitern. Das Bedürfnis nach Heimat muß immer sehen, daß es jenseits der eigenen Heimat auch mehr gibt; oder wie W. Hinrichs sagt: „Die bescheidene Sorge für die Heimat und das Heimat-Bewußtsein anderer, der nachfolgenden Generationen wie anderer Völker, ist daher die notwendige Konsequenz und Grenze des Bewußtseins der eigenen Heimat und der Sorge um sie." — Und umgekehrt kann ein klareres Verständnis für die Wichtigkeit von Heimat uns auch Hinweise darauf geben, wie wir mit Problemen umzugehen haben, die durch den Verlust oder die Angst vor dem Verlust von Heimat erst entstehen: Das, was sich etwa als Ausländerfeindlichkeit äußert und was von der politischen Rechten als „Angst vor Überfremdung" dargestellt wird, ist — zumindest beim „kleinen Mann" — wohl zumeist die Angst vor dem Verlust der eigenen kulturellen Identität, die Angstvision, sich plötzlich in der eigenen Heimat als Fremder wiederzufinden. Für diese Vision gibt es sicherlich viele - gute Gründe; nur die Projektion auf die Ausländer ist natürlich das Irrationale und Fehlgeleitete. Die wirklichen Gründe liegen ganz woanders; etwa dort, wo wir nicht mehr wissen, in welcher Stadt wir uns aufhalten, solange wir nicht das Ortsschild sehen. Dort, wo wir selbst immer mehr funktionalisiert, austauschbar und „disponibel" werden. Damit ist noch nicht gesagt, welches in der Ausländerpolitik die richtigen Forderungen und Maßnahmen sind. Eine Stärkung des Vertrauens der Leute in die eigene Zugehörigkeit zu einer Heimat wäre aber langfristig sicher das beste Gegengift gegen diesen fremdenfeindlichen Reflex.

Politische Folgerungen: Hier sich wehren heißt die Heimat ehren!

Wir sollten zur Kenntnis nehmen, daß sich auf dem Feld des Umweltbewußtseins derzeit einiges tut — auch und gerade außerhalb der „Szene". Dies ist nicht einmal so sehr ein Problem „Lothar Späth", wie es von einigen bei uns empfunden wird. Tatsächlich ist es eher so, daß die CDU gegenwärtig vielen Menschen innerhalb ihrer eigenen Anhängerschaft hinterherläuft. In meinem Wohnort auf den Fildern hat sich jetzt z.B. der ADAC in die Front der aktiven Flughafengegner eingereiht: sicher nicht gerade typisch; aber daß so etwas überhaupt vorstellbar geworden ist, sollte uns zu denken geben. Ebenso — ich bleibe bei dem Beispiel — hat der ADAC unter seinen Mitgliedern eine Umfrage gemacht mit dem Ergebnis, daß eine deutliche Mehrheit von ihnen bereit ist, freiwillig auf eine Sonderlackierung zu verzichten zugunsten eines Abgasfilters; man mag darüber lächeln, aber wer sich an die militante Kampagne „Freie Fahrt für freie Bürger" desselben ADAC 1973 erinnert, staunt doch: Hier ist Bewußtsein auf breiter Front ins Rutschen gekommen; steht der ADAC doch für den Teil unserer Mitbürger, der ideologisch am massivsten gegen jede Art von ökologischem Bewußtsein gewappnet ist.

Ein weiterer Punkt: Vor mir liegt eine Erklärung der „Aktionsgemeinschaft Natur- und Umweltschutz Baden-Württemberg e.V." gegen den Ausbau des Stuttgarter Flughafens. Die Erklärung entspricht unserer eigenen Einstellung. Interessant ist die Mitgliedschaft in dieser „Aktionsgemeinschaft": Schwäbischer Albverein, Schwarzwaldverein, Landesjagdverband, die Naturfreunde, Dt. Bund f. Vogelschutz, Landesfischereiverband, Tierschutzbund, Alpenverein, Schwäbischer Heimatbund, BUND, Odenwaldklub, Aktion Umweltschutz Freiburg, AK „Heimorchideen", Bergwacht, Dt. Ges. f. Gartenkunde & Landschaftspflege, Verschönerungsverein Stuttgart sowie etliche Naturschutz- und Umweltschutzgruppen einschließlich der Schutzgemeinschaft gegen Atomkraftwerke und Umweltschäden. Selbstverständlich erwarte ich nicht, daß all diese Vereine plötzlich „Grüne" geworden sind; selbstverständlich ist die „Politisierung" dieser Verbände ambivalent, und in manchen Fällen mag es ein kleiner Kreis Aktiver sein, die innerhalb etwa des Schwäbischen Albvereins für allgemeinere Fragen der Ökologie überhaupt aufgeschlossen sind. Aber die Breite dieser Bewußtseinsveränderung ist nicht zu übersehen. Daß die Gemeinderäte von Stuttgart und den Fildergemeinden sowie der Esslinger Kreistag alle mehrheitlich gegen die Pläne der Landesregierung votiert haben, hat konkret auch damit zu tun, daß die örtlichen Vereine und Vereinsringe sich zu Wort gemeldet haben: Da gerät leicht so mancher „Freie Wähler"-Vertreter ins Schwitzen!

Sicher wäre es ein Fehler, sich jetzt an diese Vereine opportunistisch hinten anhängen zu wollen — das wird über kurz oder lang die CDU schon selbst tun; wenn sie nämlich merkt, daß es sich hierbei nicht um eine kurze Modeerscheinung handelt. Statt dessen sollten wir es schaffen, diesen derzeit in Bewegung geratenen Leuten verständlich zu machen, daß dann, wenn sie ihre jetzt ganz langsam hochgekommenen Zweifel und Bedenken gründlich (d.h. radikal) durchdenken, sie zu einer ökologischen Position kommen müssen. Und daß sie dann nicht nur einen, sondern gleich mehrere Schritte in die Richtung gehen müssen, die die Grünen vom Ansatz her schon seit einiger Zeit verfechten.

Die Grünen sollten, und das ist mein Plädoyer, den Begriff der Heimat — in ihrem Verständnis an zentraler Stelle in ihrer Öffentlichkeitsarbeit verwenden. Besonders auch im Hinblick auf die an-stehenden Landtagswahlen sollte klargemacht werden,
  • daß es die Politik der Wachstumsparteien ist, die in zunehmendem Maße die Heimat der Menschen, der Tiere und der Pflanzen vernichtet;
  • daß die Menschen aufgerufen sind, jeweils an ihrem Platz, dezentral und autonom, für die Erhaltung der Heimat anzutreten — und daß die Grünen dabei an ihrer Seite stehen;
  • daß der Frieden die allererste Voraussetzung für den Erhalt von Heimat ist und deshalb die Friedensbewegung im besten Sinne Heimatschutzbewegung ist;
  • daß die Bewahrung und Erhaltung von Heimat nur möglich ist, wenn die Ökologie den Vorrang bekommt vor industriellem Wachstum, denn Ökologie ist die Wissenschaft darüber, wie man das Haus, das Zuhause intakt hält.


Dieser Katalog ließe sich in das Gebiet von Arbeits- und Sozialpolitik hinein verlängern: Noch immer schreitet die „Kaputt-Sanierung" voran, die abgesehen davon, daß sie die Mietpreise in die Höhe treibt, auch den Heimatwert von Häusern, Straßenzügen und Siedlungen zerstört. Die CDU-Forderung nach praktisch uneingeschränkter Mobilität der Arbeitnehmer ist heimatvernichtend, weil entwurzelnd. Die gigantischen Schul-Zentren aus Beton und Glas entreißen die Kinder ihren heimatlichen Zusammenhängen und stoßen sie vom Anfang ihres außer-familiären Lebens an in auswechselbare Anonymität.

Ich stelle mir eine Plakatserie vor, in der schöne, heimatliche Aspekte unserer Umwelt dargestellt werden, die aber von der Politik der Landesregierung bedroht sind: die Fluren bei Boxberg, der Wald auf den Fildern, Kastanien in Tübingen ... Es ließen sich bestimmt Dutzende von Beispielen finden. Dazu der Text: Mit den Grünen: Heimat bewahren — Heimat verwirklichen. Und einen erläuternden kleingedruckten Text, der klarmacht, warum das abgebildete Stück Heimat in Gefahr ist. Ich bin sicher, daß eine solche Kampagne der Grünen heftige Debatten im ganzen Land auslösen würde. Und etwas besseres als eine — womöglich hitzige — Debatte über die Grünen anhand einer solchen Kampagne kann uns gar nicht passieren.

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