#1 Die Natur des Menschen ist die Kultur von Hajo 17.01.2015 11:10

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Die Natur des Menschen ist die Kultur

Albrecht Lamparter

Traditionelle Naturschutzpolitik basiert auf dem Verständnis der Gegnerschaft zwischen Mensch und Natur. Die Naturschutzziele sind nur zu erreichen, wenn die Natur vor dem Menschen geschützt wird. Naturschutzgesetzgebung hat das Ziel‚ bestimmte Flächen vor menschlicher Nutzung zu bewahren. Die Dynamik der industriellen Landnahme und die Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion haben die Belastungen ausgedehnt, die Areale der Naturschutzgebiete (NSG) an ihren Rändern angegrifffen, sie zerteilt. Dies alles hat das Sterben von Arten nicht aufhalten können. Die traditionelle Antwort auf diese Entwicklung sieht nun so aus, daß wenn bislang dem Naturschutz 2% der Fläche zur Verfügung gestellt werden sollten, so sollen es künftig 4% sein. Selbst wenn es soweit käme, auf diesen Restflächen würde allenfalls eine Restnatur übrig bleiben.

Dieser Ansatz, nach dem jeder menschliche Eingriff zu verhindern sei, ist nicht nur aussichtslos, sondern verkennt den Charakter unserer Landschaft. Als vermeintlich natürliche Flächen werden oft typische Kulturlandschaften unter Schutz gestellt (Nationalpark Berchtesgaden, Lüneburger Heide, Federseemoor)‚ die ihre Eigenschaften der Existenz der Menschen in diesem Areal verdanken. Die Erhaltung der Arten und damit der ökologischen Stabilität gegenüber natürlichen Schwankungen ist nur durch Kultivierung möglich. Die extensive Nutzung der Streuwiesen am Rand-des Moors, das Offenhalten von Flächen durch Beweidung und Mahd sind die Voraussetzung für die Erhaltung der Lebensgemeinschaft. Aufgabe der Kultur dieser Flächen führt z.B. im Alpenraum keineswegs zu stabileren ökologischen Verhältnissen. Naturschutz ist deshalb nicht möglich als Verteidigung der Natur vor dem Menschen, sondern Kritik der Kultur des Menschen in seiner Mitwelt.

Der oft gegen den Naturschutz vorgebrachte Einwand‚ daß der Bauer der beste Naturschützer sei, erhält seine volle Richtigkeit erst vor dem Hintergrund der großen Vernichtung bäuerlicher Existenzen durch die landwirtschaftliche Strukturpolitik in der BRD. Mittelbare Folge des Auszugs der menschlichen Arbeit aus der Landwirtschaft ist das Verschwinden vieler Arten. Die Aufgabe der bäuerlichen Mischbetriebe hatte Schrittmacherfunktion im Absterben von Rassen, Sorten und Arten bei Kultur-und Wildformen der Lebewesen. Die Uniformierung der landwirtschaftlichen Produktion bedingt die Uniformierung der Landschaft; dem Zerfall der landwirtschaftlichen Kulturvielfalt entspricht die Degeneration der Agrarsteppe. Eine Trendwende in der Entwicklung der Artenvielfalt ist nur durch eine Änderung der Kultur zu erreichen.

Die Durchsetzung einer tiefgreifenden Agrarreform, mit dem Ziel, den bäuerlichen Mischbetrieb überlebensfähig zu machen und ihm die Einführung von ökologischen Produktionsmethoden zu ermöglichen, entlastet den Naturhaushalt weit nachhaltiger, als es ein noch so ausgeklügeltes System von Schutzgebieten je leisten könnte. Der Illusion, diese Umkehr sei ohne eine Verteuerung der Nahrungsmittel und damit einer Aufwertung der bäuerlichen Arbeit zu erreichen, muß vorgebeugt werden. Aber ohne die Ablösung des Kulturidols der industriellen Produktion auch in der Landwirtschaft ist ein Erhalt der Natur in ihrer gegenwärtigen Ausprägung nicht möglich.

Übergangsmäßig ist jedoch ein Konzept der ökologisch abgestuften Landnutzung unabdingbar. Agrarische und industrielle Belastungsgebiete müssen mit ökologischen Ausgleichsflächen umgeben werden Dabei sollen die Zentren mit landwirtschaftlicher Intensivproduktion ( also unter Dünger und Pestizideinsatz) umgeben werden von Arealen ohne Pestizide bzw. von Arealen mit extensiver Nutzung. Diese Flächen sollen untereinander in einem lebensfähigen Verbund stehen. Sie erfüllen damit Brückenkopffunktion für die genetische Vielfalt.

Die Größe diese Ausgleichsflächen soll nach dem Prinzip der Nachhaltigkeit bestimmt werden. Nachhaltigkeit ist seit 180 Jahren die Grundlage der Waldnutzung: Es wird nur so viel eingeschlagen, wie im Wald nachwächst. Auf die Landschaft angewandt bedeutet dies, daß regional der Versuch unternommen wird, der Inanspruchnahme eine flächenmäßige Entlastung entgegenzusetzen. Dem Entzug von Flächen für Verkehr und Überbauung soll jeweils ein entsprechendes Areal innerhalb des Landkreises in eine Naturvorrangfläche umgewandelt werden. Die Ausweisung dieser Flächen erfolgt unter der Fachaufsicht der Naturschutzbehörden. Sie folgt dem Grundsatz
• der Verbindung von Naturvorrangflächen untereinander
• der landschaftstypischen Vielfalt der Region
• der Mannigfaltigkeit innerhalb des Schutzgebietes

Die Entlastungsflächen werden ohne Ausnahme betreut. Sie bleiben Bestandteil der Kulturlandschaft, ihr Kulturziel ist verändert. Der Ertragsausfall in der landwirtschaftlichen Nutzung wird erstattet. Dieses Konzept bedarf noch erheblicher gedanklicher Arbeit.

Das Verhältnis des Menschen zur Natur ist durch Kultur vermittelt. Der Andrang bei der Kultivierung von Schrebergärten ist weit größer als es der Teilnehmerkreis bei der Pflege von einem Stück Wildnis ( z.B. bei einem NSG) ist. Das "wilde Tier" wird erst durch Grzimek interessant, das Überfahren einer Erdkröte wird eher als ästhetisches Problem empfunden, denn als Vergehen gegen die Natur. Der Umgang mit den Haustieren zeigt, daß ihre Kultivierung weit mehr geschätzt wird, als die Bewahrung ihrer natürlichen Eigenschaften. Zuletzt überzeugt der Blick in den deutschen Vorgarten jeden‚ daß unser Umgang mit der Natur mit den Mitteln der Kultur geschieht. Die Kultur des Menschen und die Ansprüche der Natur müssen nicht notwendig einander widersprechen; die alten Kulturlandschaften zeigen, daß die Veränderung von Landschaften durch den Menschen durchaus stabile Ökosysteme hervorgebracht hat, die eines allerdings brauchen: die kultivierende Arbeit des Menschen. Aus unserem Umgang mit der Natur, der kulturell bedingt ist, können wir nicht aussteigen. Dies schließt den Einsatz von Technik durchaus ein. Der Zustand der Natur ist der Spiegel der Kultur; ihre Gefährdung ist längst auch das Zeichen der Gefährdung der Zivilisation.

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